In den ersten Jahren
Von der Entstehung bis zum Ersten Weltkrieg
Als sich im ersten Jahrzehnt die Auseinandersetzungen auf
universitärem Boden oftmals zuspitzten, wurde man sich in CVer -
Kreisen bald der erdrückenden Übermacht der anderen Verbände
bewußt. Trotz Vereinigung des (2.) ÖCV mit dem CV am 6. Dezember
1906 zu einem Verband standen in Wien den 16 Burschenschaften und
44 anderen schlagenden Korporationen (darunter traditionsreiche
Corps wie die 1849 gegründete "Saxonia") nur fünf CV-Verbindungen
gegenüber. Es waren dies "Norica", "Austria", "Rudolfina",
"Nordgau" und "Kürnberg".
Nibelungias Wiege
Um dieser Übermacht Herr zu werden, beschloß man, neue
Korporationen ins Leben zu rufen, vor allem um die
Gesamtmitgliederzahl schneller steigern zu können. Doch nicht nur
die Mitgliederzahl war Beweggrund, wohl auch die Möglichkeit, mit
einer Neugründung den sog. numerus clausus (Beschränkung der Zahl
an Verbindungen mit dem Aufzugsrecht auf der Wiener Universität) zu
bekämpfen. Dies war insofern von Bedeutung, als liberales,
antiklerikales und deutschnationales Gedankengut die damaligen
Hochschulen beherrschte und sich in Form von schlagenden
Korporationen präsentierte, die "ihr" Territorium freilich von
katholischen Konservativen (i. damaligem S.) freizuhalten suchten.
Hervorzuheben seien hier AH Wollek (AIn) und AH Dr. Arthur Nagl
(AW), die sich sehr für die Gründung einer sechsten Verbindung
engagiert haben. Man einigte sich auf die gemeinsame Gründung einer
Verbindung, Rudolfina stellte seinen Plan zugunsten der gemeinsamen
Sache zurück (und gründete die "Rugia" erst Juni 1908), "Norica"
distanzierte sich nachträglich vom gemeinsamen Plan. So wurde im
Chargenzimmer der "Rudolfina" - Bude in der Rathausstraße 20 am
27. Februar 1908 der Gründungs-BC abgehalten.
Drei "Austern" waren anwesend: Anton Winkelhofer v. Alboin, der
Senior wurde, Hans Seethaler v. Ibo, der xxx1 war und Hans Pichler
v. Longinus. Die erstgenannten lebten bis in die sechziger Jahre in
Salzburg bzw. Krems, Pichler fiel im 1. Weltkrieg. "Rudolfina"
stellte den späteren Universitätsprofessor Oswald Menghin v.
Eulenspiegel als Consenior, Rudolf Zemroser v. Teja als Fuchsmajor
der "Nibelungia" und Gustav Wagner v. Eberhard. Später folgte
anstelle von Wagner Eduard Kamenicky v. King, der nachmalige
langjährige (13 Semester !) Senior. Vom "Nordgau" kam der
Vorarlberger Anton Milz v. Bibi als Kassier und "Kürnberg" stellte
den Oberösterreicher Leopold Janout v. Perkeo. Die beiden fielen
ebenfalls.
Unter den acht Gründungsburschen waren also ein Vorarlberger,
ein Tiroler, einer aus Salzburg, einer aus Oberösterreich, ein
Niederösterreicher und zwei Wiener - fast das gesamte heutige
Österreich war vertreten!
Auf Antrag von Menghin wurde der Beschluß über die Farben
weiß-gold-grün gefällt. Menghin dichtete auch Nibelungias
Farbenlied, sowie Fuchsen- und Burschestrophe.
Zu bemerken ist in dem Zusammenhang die Tatsache, daß die
Gründungsburschen und etwaige "Leihburschen" einer anderen
Korporation nur beurlaubt und nicht automatisch Nibelungen wurden,
wie dies in unseren Tagen bei Gründung einer Verbindung üblich
wäre. Nach einigen Semestern kehrten die Gründungsburschen meist zu
ihrer Urverbindung zurück. So war z. B. Menghin zwar Gründer,
jedoch kein eigentliches Mitglied der Korporation. Eine Ausnahme
bildete hier Kamenicky, der als 13maliger Senior die Geschicke
Nibelungias nachhaltig beeinflußte. Das erste
Stiftungsfest fand am Gründungstag 1909 im Melkerhof statt
und fand seinen Ausklang in einer gewaltigen Schneeballschlacht in
der Laudongasse.
Die "Nibelungia" war nun gegründet, ihre Jugendzeit war aber
nicht leicht. So wurde der Mentor und Stifter Dr. Nagl bald vom Tod
entrissen. Auch blieben die Gegner unserer Sache nicht tatenlos.
Der von den Liberalen als Antwort auf das schnelle Wachstum der
katholischen Verbände geschaffene "numerus clausus" verbot etwaigen
neugegründeten Korporationen das Tragen von Farben in den Hallen
der Universität. In der damaligen Zeit war jedoch eine solcher Bund
im Keilen sehr gehandikapt und auch nicht sehr interessant. So kam
dieses Farbverbot de facto einem Gründungsverbot gleich. Die
nationalen und liberalen Verbindungen waren so zahlreich, daß sie
diese Sperre kaum berührte und sich dieses Verbot daher faktisch
einzig und allein gegen den CV richtete. So marschierte
"Nibelungia" mit weißen Deckeln umringt von anderen CVern vor dem
Hauptgebäude der Universität auf und provozierte so ihrem
Wahlspruch entsprechend zahlreiche Prügeleien auf der Rampe.
Sein Heim fand das kleine Häuflein in weiß-gold-grün in einem
Souterrainlokal in Wien VIII, Neudeggergasse 17,
welches dem Ehrenphilister Dr. Kapfinger zu verdanken war. Diese
Zahl siebzehn blieb auch in der weiteren Geschichte bestimmend,
denn die beiden nächsten Buden lagen in Wien VIII,
Kochgasse 17 und Wien IX, Währingerstraße
17.
Natürlich wurden bald an die verschiedenen Hochschulen Eingaben
um Gewährung des Aufzugsrechtes gemacht - mußten doch am üblichen
Bummel am Samstag die weißen Deckel ante portas bleiben. Die
Keilung für diese unsere Nibelungia war nicht leicht - zumal wir
ohne direkte Mutterverbindung auch nicht mit Reichtum gesegnet
waren. So wurde unser Wahlspruch "Viel Feind, viel Ehr´" im schon
zur Tradition gewordenen Sarkasmus zur resignierenden Feststellung
"Viel Feind, viel Ehr´- und wenig Leut´" erweitert. Unerwartete
Hilfe kam von e. v. Franconia- Czernowitz, die Schläger und Geld
sandte und deren Mitglieder Mück und Soniewitzky verkehrsaktiv und
später Bandinhaber wurden.
Doch so schlimm, wie es sich anhört, war es wiederum nicht, denn
man war jung und voll Idealismus. Schon im Juni 1908 beteiligte man
sich an der Gründung des Traungau in Graz beteiligte, wo es zu
blutigen Prügeleien mit den "Schlagenden" kam. Im Herbst wurde
Nibelungia in den CV aufgenommen (dadurch steht in der offiziellen
Reihenfolge Traungau vor Nibelungia!). Die Bandphilister Prokurist
Kapfinger Rd und Prof. Ludwig Rd unterstützen uns von dieser Zeit
an.
Der Nachwuchs kam zum Teil aus Niederösterreich. Zu nennen sind
hier als Pionier - Nibelungen: Jurenka, Sochatzky und der älteste
Fuchs, Gessl, der nachmalige Dompfarrer von St. Stephan, und unser
hochverdienter Hofrat Greil. Einige kamen auch aus dem Egerland,
sowie aus anderen Sudetendeutschen Gebieten. Das Häuflein war zwar
klein, aber stellte seinen Mann und produzierte zu den
allwöchentlichen (!) Kneipen Bierzeitungen, die in unserer
nüchternen, realistischen Zeit gar nicht mehr üblich sind (leider,
leider!).
Im Jahre 1911 übersiedelte Nibelungia in die Kochgasse 17 und
gründete die "Nibelungenburse", um die Mittel für die neue Bude
aufzubringen. Indes ging der Papierkrieg mit der Universität
weiter, insbesondere als Dr. Kamenicky, der geborene Rechtsanwalt,
Senior geworden war. Er setzte sich hier besonders ein. Nicht
umsonst war sein Coleurname King - ein Herrschertyp nach innen und
nach außen.
Die Probleme Nibelungias wurden allerdings durch weltpolitische
überschattet - im Sommer 1914 brach der 1. Weltkrieg aus. Mit
Ausnahme der Theologen und dem Senior King rückten alle Aktive ein.
Und in den Konventsbüchern der Kriegsjahre konnte man Spuren der
einmaligen Pflichterfüllung sehen, denn Woche für Woche fand man
die Tatsache verzeichnet, daß, obwohl Kamenicky allein anwesend
war, die Burschenkonvente ordnungsgemäß durchgeführt wurden. Denn
selten kam ein Fronturlauber zu Besuch oder konnte sich ein
Theologe freimachen. Und als AH Erich Sigl (verstorben Mitte der
80er Jahre) als Fronturlauber im Frühjahr 1917 rezipiert wurde,
konnten an dieser Kneipe nur vier Nibelungen teilnehmen.