Wappen Nibelungiae KÖStV Nibelungia in Wien - Der Bund fürs Leben
 

Als Nibelungen im "1000-jährigem Reich"

Erinnerungen von Bbr. Stefan Grünzweig v/o Hannibal

"Im Oktober des Jahres 1938 - ich glaube, es war der 7. - fand abends die berühmte Jugendfeier im Stephansdom statt, an der wir alle - natürlich auch Ernstl (Bbr. Ernst Dalbauer v. Ernstl +) und ich - teilnahmen. Sie wurde eine machtvolle Glaubensdemonstration der Wiener Jugend, die aber auch am nächsten Tag den Sturm der Hitlerjugend auf das erzbischöfliche Palais und das Churhaus provozierte. Domkurat Hans Krawarik (rec. Mai 1921) wurde aus dem Fenster des Churhauses geworfen. Mit doppeltem Oberschenkelbruch lag er bis Februar 1939 im Spital. Das hat sich unter den Teilnehmern des Abends schnell herumgesprochen. Und auch, daß dieser Geistliche ein Angehöriger der CV - Verbindung "Nibelungia" war. So wurde der Verbindungsname für uns Mittelschüler zum Synonym für katholische Studenten, die entschlossen waren, dem braunen Terror Widerstand zu leisten.

Dieser Eindruck verstärkte sich für mich, als ich nach Matura, Arbeitsdienst und Einberufung zur Wehrmacht in die Garnison Wien kam. In der Katholischen Hochschulgemeinde traf ich Ernstl wieder und lernte auch andere Nibelungen kennen. ... in der Beurteilung der Lage waren wir uns einig: obwohl Hitler damals den Polenfeldzug gewonnen hatte und seine Wehrmacht siegreich in Frankreich vordrang, gaben wir ihm keine Chance, den Krieg letztlich zu gewinnen, weil er vor allem durch seine Rassenpolitik sich die Welt zum Feind gemacht hatte. Das bedeutete für uns: Das Ende des Dritten Reiches erleben und bis dahin Weggefährten suchen, die dann im wiedererstandenen Österreich mithelfen würden, eine christlich orientierte Gesellschaft aufzubauen.

Wir bildeten uns religiös ... weiter und trafen uns am Sonntag bei der 12-Uhr-Messe in der Annakirche, um den begeisternden Predigten des Dominikanerpaters Diego Götz zu lauschen - soferne ihn die Gestapo nicht wieder einmal eingelocht hatte. Anschließend war Stammtisch im Cafe Parsival in der Walfischgasse. Dort trafen wir auch gelegentlich mit AHAH, soferne sie gerade in Wien waren - ich erinnere mich an Sigi und Bittmann - zusammen. Der übliche Verbindungsbetrieb fand in Privatwohnungen statt, meistens in der des FM Bittmann. ... Bei solchen Zusammenkünften mußten wir natürlich besondere Sorgfalt walten lassen. Denn es gab im Dritten Reich die Paragraphen "Geheimbündelei" und "Wehrkraftzersetzung", ... auf den die Todesstrafe stand. Daher waren jedesmal Spielkarten auf dem Tisch. Kam unerwarteter Besuch, so war das Treffen eben eine harmlose Kartenpartie. Bei Nibelungia war Tarock bevorzugt - und zwar Königrufen (wahrscheinlich in Anlehnung an die Tatsache, daß Otto von Habsburg Oberster Schirmherr ist!). Auch waren Klingelzeichen vereinbart, sodaß die in der Wohnung Anwesenden von vornherein wußten, wer draußen stand. Diesem Umstand verdanke ich meinen Couleurnamen. Während sonst Vor- oder Spitznamen gebräuchlich waren, nannten sie mich Hannibal, weil ich einmal "ante portas" ein falsches gab und so den Wohnungsinsassen gehörigen Schrecken einjagte.

1942 mußte ich nach Rußland und erst Ende 1943 kam ich wiederzu einem Studienurlaub nach Wien. Da erreichte uns die Nachricht, daß die KÖHV "Carolina" in Graz eine "Österreichische Hochschulwoche" abhielt, für die damalige Zeit ein unerhörtes Unterfangen. Da von den kasernierten Medizinern Nibelungiae keiner Urlaub bekam, wurde ich beauftragt, an diesem Treffen teilzunehmen und NbW zu vertreten. Dort traf ich nicht nur den Großteil der damals illegalen Carolinen, sondern auch Otto Knittel, den Vertreter e.v. "Alpinia", der während des Krieges in Innsbruck neugegründeten CV-Verbindung. ... Die Gespräche drehten sich - Hitlers Niedergang war schon vorhersehbar - damals um die Neuordnung im universitären Bereich, die nach dem Krieg notwendig war. Denn wir wollten auf jeden Fall verhindern, daß die Träger des NS - Gedankengutes (Staatsallmacht, Führerkult, Rassenwahn...) politisch wieder zum Zug kamen... Die Idee der Österreichischen Hochschülerschaft als Selbstverwaltungskörper und die von ihr in der ersten Nachkriegszeit installierte Studienkommission wurde damals geboren. ... Vor ihr mußte dann jeder Student erscheinen und ohne ihre Zustimmung konnte keiner inskribieren. ...

So blieb nach dem Krieg für uns die persönliche Genugtuung, politisch recht behalten zu haben, und die gefestigte Erfahrung, unrecht Gut auch in der Politik nicht gedeiht und daß man mit Bajonetten verschiedenes anzufangen vermag, daß man aber nur sehr begrenzte Zeit auf ihnen sitzen kann. Für mich überwiegt aber das bis heute anhaltende Glück, eine Freundschaft genossen zu haben und weiter zu genießen, der man nach den damaligen Umständen bescheinigen muß, daß sie im buchstäblichen Sinne ein "Lebens" - Freundschaft war. Und das wünsche ich ... allen Nibelungen in ungeteilter Weise."

Bbr. Stefan Grünzweig v. Hannibal wurde am 15. 7. 1921 geboren, studierte Chemie und wurde am 15. 10. 1940 rezipiert. Er überlebte den Krieg und war sehr engagiert am Wiederaufbau Österreichs beteiligt. Er verstarb am 22. August 2002 in Graz.

(c) 1998 - 2012, KÖStV Nibelungia in Wien